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Soziale Dienstleistungen – Anforderungen, Qualifikationen …

3D Rolltreppen - ExistenzgründungMit Existenzgründungen im sozialen Bereich sind in erster Linie soziale Dienstleistungen für bedürftige Menschen gemeint. Gemeint sind damit auch Unternehmen, die für soziale Einrichtungen und Anbieter arbeiten. In diesen Fällen handelt es sich z. B. um Bildungs-, Beratungs- oder Organisationsdienstleistungen für Vereine oder Verbände (z. B. Coaching, Supervision, Fortbildung, Qualitätsmanagement, Arbeitsvermittlung, Mittelbeschaffung). Insgesamt ist die Bandbreite der Tätigkeiten im sozialen Bereich enorm, ebenso die Vielfalt der besonderen Anforderungen oder notwendigen Formalitäten

Gute Chancen

Geschäftsideen im sozialen Bereich haben Konjunktur. Grund dafür sind gesellschaftliche Entwicklungen (z. B. die demografischen Veränderungen) sowie individuelle, gesundheitliche oder familiäre Bedürfnisse oder Probleme. Allein die Zahl der pflegebedürftigen Menschen soll bis 2030 um 58 Prozent zunehmen (Quelle: Statistisches Bundesamt). Dabei erfüllt zwar der Staat zahlreiche soziale Aufgaben, aber längst nicht alle. Gerade im Bereich sozialer Aufgaben ist ein Trend zu weniger öffentlicher Finanzierung und Hilfe und zu mehr privaten Hilfeanbietern (z. B. Public Private Partnership) zu beobachten.

Hohe Anforderungen

Soziale Dienstleistungen verlangen ein hohes Maß an fachlicher Kompetenz und eine besondere persönliche Einsatzbereitschaft. Gleichzeitig verbindet die breite Öffentlichkeit soziale

Dienstleistungen mit sozialer Verantwortung und gemeinnütziger Daseinsvorsorge. Anbieter werden mit hohen ethischen Erwartungen konfrontiert.

Persönliches Engagement

Soziale Dienstleistungen verlangen ein hohes persönliches Engagement (bei womöglich eher geringem Einkommen).

Hohe Fachkompetenz und Qualifikation

Für einige Gründungen werden bestimmte Qualifikationen vorausgesetzt, ohne die eine Gründung nicht möglich ist (Tagesmütter z. B. müssen inzwischen meist eine pädagogische und persönliche Qualifikation nachweisen). Häufig sind weitere Zusatzqualifikationen gefordert. Die Kostenträger erwarten gute Leistungen sowie eine kontinuierliche Weiterbildung. Eine Übersicht über Qualifizierungs- und Weiterbildungsangebote finden Sie auf den Seiten der Bundesagentur für Arbeit www.arbeitsagentur.de (BBZ online).

Berufserfahrung

Besonders wichtig sind Führungserfahrung, außerdem Erfahrungen in Verwaltung, Projektbeantragung und -management.

Kaufmännisches Denken und betriebswirtschaftliche Kenntnisse

In vielen Fällen machen sich in sozialen Berufen Menschen mit einer hohen Helfermotivation selbständig, ohne dabei auf ihr Einkommen zu achten. Ohne kaufmännische Kenntnisse geht es aber auch hier nicht. Für die Buchführung gibt es in manchen Bereichen spezielle Vorschriften (z. B. Pflegebuchführungsverordnung). Weiterbildungskurse und Studiengänge helfen dabei, dieses Fachwissen zu erwerben (z. B. Weiterbildungen und Studiengänge wie Heimleitung, Verantwortliche Pflegefachkraft, Sozialmanagement, Pflegemanagement, Sozialfachwirt, Bachelor Public Health Care usw.).

Netzwerk

Um ihre Arbeit effektiv erledigen zu können, aber auch, um Kontakte zu potenziellen Kunden zu bekommen, benötigen Anbieter sozialer Dienstleistungen ein funktionierendes Netzwerk. Dazu gehören Sozialleistungsträger (d.h. die Kostenträger), Ämter und Behörden, Beratungsstellen, Pflegestützpunkte, Altenhilfefachberatungen, andere Anbieter sozialer Leistungen (z. B. haushaltsnahe Dienstleistungen), Fach- und Berufsverbände usw. Netzwerkpartner können verschiedene Vorteile bieten:

  • Informationen über aktuelle politische und rechtliche Entwicklungen
  • Interessenvertretung und Lobbyarbeit
  • Ausstattung mit Musterverträgen
  • Kundenkontakte

Rechtliche Kenntnisse

Für die Leistungsfinanzierung sind gute Kenntnisse des Sozialrechts lebenswichtig. Gesetzliche Grundlagen oder Vergütungssysteme ändern sich immer wieder. Für den, der diese Veränderungen verschläft, kann dies existenzbedrohende Konsequenzen haben.

Organisatorische Kenntnisse

Unerlässlich ist das Wissen über die spezielle Organisation, Arbeitsabläufe, Zuständigkeiten und Auftrag sozialer Einrichtungen.

Guter Ruf

Ohne ihn kann eine Anerkennung als Leistungserbringer unter Umständen schwierig werden (Gründer von Pflegediensten müssen z. B. ein polizeiliches Führungszeugnis vorlegen).

Menschliche Qualitäten

Gründerinnen und Gründer im sozialen Bereich sollten gefestigte Persönlichkeiten sein. Sie sollten ein hohes Maß an Mitgefühl für ihre Klienten aufbringen. Gleichzeitig müssen sie sich aber auch abgrenzen können. Wer zu sehr mit seinen Kunden mitfühlt, leidet möglicherweise zu stark unter der damit verbundenen emotionalen und psychischen Belastung.

Gesetzliche Pflichtleistungen und private Angebote

Soziale Dienstleistungen werden weitgehend oder anteilig über beitragsfinanzierte Sozialversicherungen (z. B. gesetzliche Krankenversicherung oder soziale Pflegeversicherung) getragen. Menschen, die ihren verbleibenden Eigenanteil nicht selbst oder über unterhaltspflichtige Angehörige bestreiten können, erhalten entsprechende Unterstützung durch die Sozialhilfe (Hilfe zur Pflege).

Für Gründerinnen und Gründer ist es empfehlenswert, die kommunalen Ansprechpartner, Trägerverbände und möglichen Kostenträger zu kontaktieren und sich genau über die vertraglichen Rahmenbedingungen zu informieren. Je nach Marktsegment müssen Versorgungsverträge abgeschlossen werden (z.B. Kranken-und Pflegeversicherungsleistungen).

Ob die jeweils zuständigen Stellen Leistungen bewilligen, ist davon abhängig, ob und in welchem Umfang die Betroffenen Leistungsansprüche laut Gesetz geltend machen können.

Private Leistungen und Privatzahler

Die gesetzlichen Leistungen decken aber nicht alle Bedürfnisse der Menschen ab, die soziale Dienstleistungen brauchen. Das bedeutet: Anbieter sozialer Dienstleistungen müssen traditionelle Pflichtleistungen ggf. privat abrechnen. Außerdem sollten sie immer auch Angebote über diese Pflichtleistungen hinaus ins Angebotsprogramm aufnehmen. Immerhin: Immer mehr Menschen sind in der Lage, soziale Dienstleistungen privat einzukaufen. Zudem gibt es eine Reihe von Dienstleistungen, die ausschließlich privat abgerechnet werden (z. B. kosmetische Fußpflege, private Haushaltshilfe). Eine gute Mischung ist hier gefragt.

Achtung: So manche Leistung wird erbracht, ohne dass der Anbieter dafür Geld nehmen kann oder will. Entweder, weil der Kunde sie nicht bezahlen kann. Oder als Service. Ein solches Vorgehen ist ehrenwert, kann den Anbieter aber langfristig wirtschaftlich ruinieren. Wichtig ist also, auf ein wirtschaftlich vertretbares Verhältnis von kostenpflichtigen und kostenfreien Leistungen zu achten. So mancher Dienstleister im sozialen Bereich startet heute übrigens sanft mit Leistungen, die ausschließlich privat abgerechnet werden. Häufiges Problem: mangelhafter Versicherungsschutz.

Welcher Anteil am Umsatz?

Für Gründerinnen und Gründer bedeutet dies, ihre Gründung so zu planen, dass sowohl gesetzliche Pflichtleistungen als auch private Leistungen berücksichtigt sind. Mit welchen Anteilen kann man rechnen? Insbesondere bei der Zielgruppe der Privatzahler muss gründlich recherchiert werden, wie viele dies vor Ort sind, wie diese potenziellen Klienten angesprochen werden können, welche Ansprüche sie stellen und wie viel sie bereit sind, zu bezahlen. Wer nur Privatkunden bedienen möchte, sollte ganz genau überprüfen, ob er hier bereits über ausreichende Kundenkontakte oder Kontakte zu Netzwerken verfügt, über die er solche Kunden erreicht (z. B. Ärzte, Seniorenstifte). Außerdem sollte klar sein: Eine Dienstleistung, die privat abgerechnet wird, sollte eine besondere Qualität haben (z. B. gehobene Ausstattung/gehobenes Ambiente, besonderer Service).

Kosten decken

Der Aufwand bei den sozialen Dienstleistungen ist nicht selten hoch. Für einige Dienstleistungen können nur besonders qualifizierte Mitarbeiter eingesetzt werden (z. B. medizinische Behandlungspflege bei künstlicher Ernährung). Die hohen Personalkosten lassen sich ggf. durch flexible Arbeitsverträge oder Honorarverträge mit freien Mitarbeitern reduzieren.

Persönliches Budget in der Behindertenhilfe

Menschen mit Behinderungen können ein so genanntes Persönliches Budget beantragen. Es soll ihnen ermöglichen, Dienstleistungen für ihren Bedarf selbst einzukaufen. Finanziert werden dabei Leistungen zur Teilhabe am Leben in der Gesellschaft, besonders für betreutes Wohnen. Persönliche „Assistenzen“ sind möglich für Pflege, Haushalt, Hilfsmitteleinkauf, Arbeit usw. Der Bedarf an solchen ambulanten Dienstleistungen wird steigen, da stationäre Angebote abgebaut werden. Einen Antrag auf ein Persönliches Budget können Leistungsempfänger beim Rehabilitationsträger stellen. Nach der Erfahrung aus Modellprojekten liegt das durchschnittliche Persönliche Budget etwa zwischen 200 und 800 Euro im Monat.

Gesetzliche Betreuung

Im Januar 2008 standen rund 1,2 Millionen Menschen unter gesetzlicher Betreuung. Rund 70 Prozent davon werden von ehrenamtlichen Betreuern betreut, 30 Prozent von Berufsbetreuern. Diese werden vom Vormundschaftsgericht bestellt, wenn Volljährige infolge körperlicher, seelischer oder geistiger Erkrankungen ihre Angelegenheiten nicht mehr selbst regeln können (z. B. bei Altersdemenz, Psychosen, Suchterkrankungen, geistigen Behinderungen). Typische Aufgabenbereiche sind: Vermögenssorge (z. B. Entscheidungen zur Geldanlage), Aufenthaltsbestimmung, Wohnungsangelegenheiten (z. B. Vertragsangelegenheiten), Gesundheitsfürsorge (z. B. gemeinsame Gespräche mit Ärzten), freiheitsentziehende Maßnahmen (z. B. geschlossene Unterbringung) oder Entgegennehmen und Öffnen der Post.

Wer als Betreuerin oder Betreuer arbeiten will, kann sich bei den regionalen Betreuungsbehörden (in der Regel dem Gesundheitsamt, Jugendamt) registrieren lassen. Eine bestimmte Ausbildung ist derzeit nicht erforderlich, allerdings gute Rechts-und Verfahrenskenntnisse, auf die die Betreuungsbehörden besonderen Wert legen.

Steuer

Viele soziale Dienstleistungen sind – unabhängig von der Rechtsform – von Umsatzsteuer und Gewerbesteuer befreit. Je nach Rechtsform und Art des Angebots gelten für die Anbieter aber unterschiedliche Bedingungen.

(Quelle: GründerZeiten 55, BMWi, Berlin)
(Bildnachweis:  ©-Thomas-Reimer – Fotolia.com)

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